19/05/2016
Volkmar Weiss
Ein Gespräch über das Gute, Schöne und Wahre
Der neue Creative Director von moodley über die Austauschbarkeit von Hipster-Designs, den Zwang zur Ästhetisierung und den Zufall als Gestaltungsprinzip. Über seine Angst vor einem leeren Blatt Papier und warum gutes Design keinen Trends folgt, sondern seine eigene Geschichte erzählen muss.
Volkmar Weiß, Creative Director

Welche Rolle spielt Design bei der Wahrnehmung und Differenzierung im Zeitalter des Internets?

Eine sehr wichtige. Als ich studiert habe, ist man noch mit AOL und einem 56K-Modem ins Internet gegangen. Alles, was ich über Design wusste, hatte ich aus Büchern. Durch das Internet hat sich extrem viel verändert, neue Designs und Projekte sind sofort und für alle zugänglich. Das ist zum einen gut, weil es uns inspiriert, pusht und anspornt, gute Sachen zu machen. Gleichzeitig führt das leider auch dazu, dass alles immer selbstähnlicher wird.

Das erinnert an diese typischen „Hipster-Designs“, die oft sehr austauschbar wirken – ein paar Pfeile da, ein paar Schreibschriften und geometrische Formen dort.

Warum sehen alle Burgerläden gleich aus? Craft Bier? Bio Läden? Da gibt es international ein zwei coole Cases, und alle orientieren sich daran. Es entsteht somit sehr schnell ein Bild, wie etwas zu sein hat. Muss es aber nicht.

Wie schafft man es, dass ein Design unverwechselbar und einprägsam wird?

Es gibt ein schönes Plakat von Martin Kippenberger. Darauf ist ein Stuhl zu sehen, und drunter steht groß geschrieben: TISCH. Das habe ich als Kind in einer Ausstellung gesehen und mir sofort gemerkt. Das fand ich extrem witzig. Gutes Design hat immer eine Idee, wenn möglich auch Humor. Gutes Design ist also nicht nur Deko, sondern erzählt eine Geschichte. Sei es durch Humor, Sachlichkeit oder Ästhetik.

Was ist der Unterschied zwischen einem Design, das lediglich nett anzusehen ist und einem, das eine Geschichte erzählt?

Das eine ist reiner Schmuck, da steht nichts dahinter. Das hat keine Seele. Das spürt man dann aber auch sofort. Das passt dann einfach nicht. Hinter gutem Design steht immer eine konzeptionelle Idee. Und sei es die Idee, dass es keine konzeptionelle Idee gibt.

Wie entstehen deine Ideen?

Zuerst beschäftige ich mich intensiv mit dem Produkt. Wohin will der Kunde? Was will er erreichen? Welche Probleme gibt es? Welche Mitbewerber? Was ist die Story dahinter? Ich versuche immer die Substanz, die Kernaussage zu finden. Am besten gemeinsam mit dem Kunden. Dann entsteht langsam ein erstes Bild, wie das ganze aussehen könnte. Persönlich mache ich das so, dass ich nie bei Null anfange, sondern mir immer ein Projekt als Vorlage nehmen. Eines, das überhaupt nichts mit dem gegenwärtigen zu tun hat. Das vermenge ich dann mit meinen Ideen. Und zum Schluss entsteht etwas Neues.

Bei dir gibt es also nie ein leeres Blatt Papier?

Nein, ich versuche immer anhand eines bestehenden Designs Neues auszuprobieren. Das ist ein guter Trick, das brauche ich, um aus vorgefertigten Denkmustern auszubrechen. So entstehen andere Bilder und Zugänge. Das weiße Blatt Papier macht mir Angst.

Wie wichtig ist Typografie dabei?

Extrem wichtig. Typografie, das ist die Handschrift des Projekts. Dadurch lässt sich die Tonalität steuern – ist man laut, ist man leise, ist man zugänglich, ist man extravagant. Mit Typografie schafft man es auch, spielerisch und humorvoll zu sein. Das kann mit dem Content korrespondieren, muss es aber nicht. So kann man einen Spannungsbogen aufbauen.

Welche Konsequenz haben das Spielerische und der Zufall in der Gestaltung?

Der Zufall spielt eine große Rolle. Es gibt immer einen Plan, ein Fundament, einen fixen Rahmen. Aber innerhalb dieses Rahmens sollte man auch Dinge, die einfach so passieren, zulassen. Ich sehe den Zufall als Grundprinzip, um mich immer wieder selbst zu überraschen. Manchmal passiert beim Gestalten etwas Zufälliges, ein Bild ist beispielsweise nicht da, wo ich es eigentlich haben wollte. Dann denke ich: „Ja, eigentlich auch cool. Kann man so lassen.“

Wie kann eine Verpackung mehr als nur schöne Hülle sein?

Die Verpackung ist einfach nur ein weiteres Medium, durch das man eine Geschichte erzählen kann. Auch hier gilt: Man kann es einfach nur hübsch machen oder bewusst mit der Form oder dem Umfeld spielen. Das ist aber kein Dogma. Wenn es Sinn macht, die Verpackung zweckmäßig oder informativ zu gestalten, ist das auch in Ordnung.

Das ist doch auch dieser „form follows function“ Ansatz, oder?

Genau! Der Philadelphia Frischkäse zum Beispiel erfüllt seinen Zweck. Das könnte man sicher auch schöner gestalten, aber muss man das? Der muss nicht daherkommen wie eine Verpackung eines Cartier Halsbandes. Es muss nicht alles zwangsweise ästhetisiert werden.

Welche Rolle spielt das Produkt dabei?

Beides ist wichtig. Produkt wie Design. Es geht darum, den Konsumenten vom Produkt zu überzeugen. Im besten Fall verliebt er sich in das Produkt oder die Marke, geht eine Beziehung mit ihr ein. Das alles kann durch visuelle Kommunikation erreicht werden.

Was passiert, wenn das Produkt nicht hält, was das Design verspricht?

Dann ist das Design nicht authentisch, dann nimmt man es dem Produkt nicht ab und beschäftigt sich plötzlich bewusst mit dem Erscheinungsbild. Sobald man spürt, dass es zu gewollt ist, erkenne ich ja die Absicht dahinter à la „Ups, da will mir jemand was verkaufen…“. Im Grunde genommen begleitet Design das Produkt – wie eine gute Filmmusik. Über die macht man sich auch keine Gedanken. Die ist einfach da und führt uns emotional durch die Geschichte. Ohne, dass wir sie wirklich wahrnehmen. Genauso verhält es sich mit gutem Design.

Welche Trends sind im Designbereich erkennbar?

Trends spielen, wie in der Mode, natürlich eine wichtige Rolle. Aber das ist ja meist unbewusst. Wie geht man heute mit Typografie um, welche Art der Fotografie wählt man aus, welche Farben und Formen? Interessant wird Design aber erst, wenn es sich nicht um Trends bemüht, sondern selber welche schafft. Das ist die eigentliche Aufgabe guten Designs.

Volkmar Weiss war Geschäftsführer der Kreation bei Jung von Matt, Selbständiger mit dem Bureau für Design und ist Mitglied des ADC Europe. Er erhielt mehr als 200 nationale wie internationale Preise und Auszeichnungen, darunter auch acht Löwen in Cannes. Seit 1. Mai ist er Creative Director bei moodley brand identity.

 

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